Kein Ende in Sicht: Chinas Großkonzerne zittern weiter – auch der Bildungssektor

Im Land des Lächelns ziehen Gewitterwolken auf – zumindest für viele Aktionäre. Paradox, denn der Wohlstand des Landes liegt auf einem Rekordhoch. Selbiges gilt für den Stellenwert von Bildung. Gerüchten zufolge sieht die chinesische Regierung in ebendieser Bedeutungszunahme eine Bedrohung für ihre junge Bevölkerung. Sehr zum Leidwesen hiesiger Unternehmen wie Tal Education und New Oriental.

Nanchang, China - March 26, 2021

Es ist kein Geheimnis: Die chinesische Regierung hat ein Problem. Nicht nur mit der amerikanischen Regierung und Menschenrechtsorganisationen! Heimische Großkonzerne stellen in den Augen des Kaders eine Gefahr für die Einheit des Landes, insbesondere für die Integrität der Kommunistischen Partei (KP) dar.

Bisweilen traf der Unmut der KP in erster Linie Tech-Konzerne wie zum Beispiel die international tätige Tencent Holding. Obgleich sich der Vorstand keinerlei Fehltritte leistete und das Geschäftsmodell gegen keine geltenden Rechte verstößt, fürchtet man die eiserne Hand aus Peking. Zu mächtig, zu einflussreich scheint Tencent geworden zu sein.

Mittlerweile bringt der Global Player „nur“ noch eine Bewertung von rund 585 Milliarden Euro auf die Börsenwaage. Mitte Februar wurde die Tencent Holding noch mit 819 Milliarden Euro bewertet! Ein Anteilsschein kostete zu diesem Zeitpunkt umgerechnet 82,02 Euro – aktuell liegt der Preis für eine Tencent Aktie bei knapp 61 Euro.

Sonderfall Alibaba

Etwas härter traf es Investoren der Alibaba Group. Die nochmals deutlichere Korrektur beim Online-Handel-Giganten setzte bereits im September vergangenen Jahres ein: Satte 44 Prozent verloren die Anteilsscheine der Alibaba Group – sowohl American Depository Receipts (ADRs) als auch Original-Aktien.

Alibaba

Der Crash der Alibaba Aktie kommt jedoch nicht von ungefähr. Den Startschuss für den Abwärtstrend feuerte der Firmengründer Jack Ma höchstpersönlich ab! Mit dem Zitieren eines „systemkritisch“ interpretierbaren Gedichtes auf seinem Online-Kanal weckte Ma zunächst schlafende Hunde. Ein anschließend öffentlicher Auftritt, bei dem sich der Milliardär negativ über die Finanzbehörden Chinas äußerte, brachte das Fass zum Überlaufen. Der Börsengang der ANT Group wurde abgesagt. Die geschätzten Einnahmen von rund 32 Milliarden Euro? Von jetzt auf gleich in den Wind geschossen.

Doch damit nicht genug. Im April wurde Alibaba zu einer Strafzahlung von 2,3 Milliarden Euro verurteilt. Die Marktaufsichtsbehörde Chinas SAMR habe unlautere Praktiken bei der Produktplatzierung im hauseigenen Online-Shop der Alibaba Group festgestellt, so die Begründung. Mittlerweile wurde die Strafe gezahlt. Die zuletzt veröffentlichten Quartalszahlen fielen anhand der Cash-Abflüsse suboptimal aus. Ebenfalls wenig förderlich für den Kurs der Aktie: Ma war für mehrere Wochen wie vom Erdboden verschluckt. Die Gerüchte über eine Inhaftierung oder gar den Tod des Konzern-Boss verstärkte den Abverkauf. Mittlerweile ist Ma übrigens aufgetaucht. Seinen Job als CEO der Alibaba Group hat er allerdings abgegeben.

Nach Tech kommt Bildung?

Ein ähnliches Schicksal befürchten Investoren der Tal Education Group Holding und der New Oriental Education & Technology Group. Beide Unternehmen haben sich auf die privatisierte Nachhilfe spezialisiert und bieten ihren (größtenteils minderjährigen) Kunden umfangreiche Lernhilfen. Der Nachhilfe-Markt boomt und soll laut Experten ein Umsatzpotenzial von mehr als 100 Milliarden Euro bergen.

Für Millionen chinesischer Schüler und Schülerinnen endet die tägliche Bildung nicht mit der Schulglocke oder den Hausaufgaben: Nachhilfe-Programme der Tal Education Group Holding und der New Oriental Education & Technology Group beispielsweise starten häufig erst nach 21.00 Uhr!

Vor allem aber kosten die Angebote Geld. So viel Geld, dass die Ausbildung des Nachwuchses zur Dauerbelastung vieler privater Haushalte herangewachsen ist! Die Financial Times will herausgefunden haben, dass eine chinesische Durchschnittsfamilie gut 13 Prozent des Haushaltsbudgets in die Ausbildung ihrer Kinder investiert. 93 Prozent aller Eltern wollen die Schützlinge auf eine ausländische Universität schicken. Rund die Hälfte nimmt einen Zweitjob an. Andernfalls wären die Kosten für den Werdegang im Ausland nicht tragbar.

Zum Schutz der Jugend

Bereits vor Monaten berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über Pläne der chinesischen Regierung, Unternehmen aus dem Sektor der nicht-staatlichen Bildungspolitik regulieren zu wollen. Einerseits bestehe, ähnlich wie bei Tencent & Co., die Angst vor einer Übermachtstellung privat geführter Unternehmen. Andererseits wolle man einer psychischen Überbelastung der Parteimitglieder-Mitglieder von morgen vorbeugen.

 Psychische Krankheiten stehen in der VR China jedoch kaum zur Debatte und werden nicht selten totgeschwiegen. Im wahrsten Sinne des Wortes! Zahlen belegen: Der chinesische Otto-Normal-Bürger erkrankt überdurchschnittlich häufig an Depressionen, Angstzuständen und Sozialphobien. Rund 53 Millionen Menschen in China leiden an besagten Krankheiten, insbesondere an Depressionen. China liegt damit im internationalen Vergleich auf Platz zwei! Wie viele der Patienten noch die Schule beziehungsweise Uni besuchen – und ein privates Nachhilfeangebot wahrnehmen – ist nicht klar. Schätzungen gehen davon aus, dass rund ein Viertel aller Depressionen bei Personen unter 21 Jahren auftreten.

 

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Viel Lärm um Nichts?

Eine offizielle Stellungnahme aufseiten der Regierung zu diesem Thema blieb bisweilen aus. Die Psyche ist und bleibt in Fernost ein Tabu-Thema! Ob und in welche Richtung die Mühlen der KP mahlen, bleibt demnach Spekulation. Ein landesweites Nachhilfe-Gesetz soll bereits in Planung sein. Die Ungewissheit nagt an den Unternehmen, ja höhlt sie wie der stetige Tropf den Stein aus. Anleger verlieren zunehmend die Geduld und ziehen sich in Scharen zurück. Die Aktie der Tal Education Group Holding beispielsweise verlor auf Jahressicht bereits 73,7 Prozent. Allein am Freitag sackte der Wert im Tief um bis zu 13 Prozent ab. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der New Oriental Education & Technology Group Aktie: Der Wochenausklang bescherte der New Oriental Aktie ein Minus von rund 6 Prozent. Anleger, die vor einem Jahr zugegriffen haben, liegen satte 57 Prozent hinten.

Die wahren Interessen der KP

Der Gedanke, die Jugend vor Dauerstress, Schlafmangel. Leistungsdruck und Burn-Out-Syndrom schützen zu wollen, wirkt vorbildlich. Zu vorbildlich! In einem Staat, in dem Mitarbeiter von Handy-Zubehör-Produzenten am wortwörtlichen Sprung aus dem Fenster durch Gitternetze gehindert werden müssen, steht die Seele des Individuums hinten an.

Weshalb also sollte die KP den Bildungssektor regulieren wollen?

Grund Nummer eins: China leidet unter einem starken Geburtenrückgang. Die Einkind-Politik ist Geschichte und Nachwuchs wird im Reich der Mitte so dringend gesucht, wie kaum sonst wo auf der Welt! Tatsächlich jedoch ist Chinas Bevölkerung zwischen 2010 und 2020 so langsam gewachsen wie seit den 50-er Jahren nicht mehr! Dass die enormen Ausgaben für Bildungsangebote Schuld an der sinkenden Geburtenrate sein könnten, scheint plausibel. Schließlich gehört ein kräftiges Investment in die Fertigkeiten des Nachwuchs zum guten Ton. Soll aus Sohn und Tochter etwas „Vernünftiges“ werden, müssen Eltern eigene Träume aufgeben, ihren Konsum einschränken und nicht selten einen Kredit aufnehmen.

Grund Nummer zwei: Die gelehrten Inhalte in den Online-Kursen lassen sich zunehmend schwerer kontrollieren. Auch wenn die Unternehmen partei-konform arbeiten und ihren Angestellten Partei-Treue abverlangen, können die (Privat)-Lehrer in den Online-Sitzungen denkbar einfach Kritik am Pekinger Kabinett äußern. Die Reihen der Intellektuellen werden hier seit jeher mit Argusaugen beobachtet.

Vor allem: Aufgrund der enormen Nachfrage nach Online-Kursen setzen Unternehmen wie Tal Education und New Oriental vermehrt Studenten ein. Der 4. Juni 1989, Tag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens, dürfte kaum aus dem Kollektiv-Gedächtnis dieser Lehrkräfte gewichen sein. Aspekte, die spätestens der nächste Volkskongress (voraussichtlicher Termin: Mai 2022) berücksichtigen und dementsprechende Regularien verabschiedet könnte. Einstimmig, versteht sich. Ein „Weiter so“ für die Bildungs-Riesen erscheint zumindest nach aktuellem Stand unwahrscheinlich.

Autor: Jan Lauer

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