Es ist angerichtet Kurs-Massaker bei E-Learning-Aktien

Bis zu 70 Prozent Kursverlust innerhalb weniger Stunden! Anleger der Holding Tal Education sowie der New Oriental Education & Technology Group hat es am Freitag kalt erwischt. Grund: Die chinesische Regierung hat Berichten zufolge konkrete Pläne ausgearbeitet, Unternehmen im E-Learning-Sektor zu einer gemeinnützigen Tätigkeit zu drängen.

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Das Geschäftsmodell von Konzernen wie der Tal Education Group Holding und der New Oriental Education & Technology Group wirkt sinnvoll und unbedenklich: Schüler und Studenten erhalten in Fächern ihrer Wahl professionellen Nachhilfeunterricht. Online, versteht sich. Ein Markt, der Schätzungen zufolge rund 100 Milliarden Euro schwer sein soll. In den Augen der Kommunistischen Partei (KP) sind ebendiese Geschäftsmodelle jedoch keineswegs unbedenklich. Zum Schutz ihrer Mitglieder von morgen will die KP sämtliche Lehrangebote von Tal Education und New Oriental Education deutlich einschränken, dies berichtet zumindest das Wirtschaftsmagazin Bloomberg. Offizieller Grund: Man müsse die Jugend vor Lernstress und Vergleichsdruck schützen.

 

Mehr als ein Warnschuss

Schon länger kursieren Gerüchte, die chinesische Regierung plane, den E-Learning-Markt zu regulieren. Nun verdichten sich die Hinweise: Insider zufolgen habe man finale Pläne fertiggestellt, den gesamten E-Learning-Sektor zu regulieren. Besser gesagt zu pulverisieren. Die Ostasien-Redaktion des Magazins Bloomberg berichtet, dass Plattform-Betreiber für Nachhilfe-Angebote dazu „gebeten“ werden sollen, in Zukunft gemeinnützig zu operieren. Weiterhin sollen bereits börsennotierte Konzerne keine weiteren Gesellschaften aufkaufen sowie Kapitalerhöhungen durchführen dürfen – auch Börsengänge weiterer E-Learning-Anbieter sollen verboten werden. Unterm Strich würden somit nahezu sämtliche nicht-staatlich geführte Bildungsplattformen ihrer Geschäftsgrundlage entzogen werden. Experten wie der Fondsmanager Wu Yuefeng von Funding Capital Management sind sich sicher: „Den Sektor gemeinnützig zu machen, ist genauso gut wie die ganze Branche auszurotten.“

 

Drama mit Ansage

Auch viele deutsche Anleger dürften gestern beim Blick ins Depot rotgesehen haben. Unerwartet kam der Kurssturz allerdings nicht, obgleich das Ausmaß überraschte. Das Unternehmensblatt berichtete bereits über Gerüchte, der chinesische Staat wolle Großkonzerne wie die Tal Education Group Holding an die kurze Leine nehmen. Eine solch deutliche Antwort hatten jedoch selbst größere China-Skeptiker nicht erwartet. Und dennoch: Das Verbot gewinnorientiert zu arbeiten, fügt sich bestens in ein Puzzle, das die KP seit Monaten Stück für Stück, ohne Rücksicht auf Verluste, zusammensetzt.

 

Ein Blick aufs große Ganze

Bereits im September letzten Jahres deutete sich eine härtere Gangart in Peking an: Nach dem Zitieren eines systemkritischen Gedichts und einer negativen Äußerung des Alibaba-Group-Firmengründer Jack Ma statuierte die KP das erste Exempel an einem heimischen Milliarden-Unternehmen. Der geplante Börsengang der ANT Financial wurde kurzerhand untersagt. Wenig später musste der Online-Riese eine Strafzahlung in Höhe von rund 2,3 Milliarden Euro leisten. Es folgten weitere Maßnahmen, die unter anderem den Konkurrenten von Alibaba alias JD.com und den Luxusklamottenhändler Vipshop trafen. Und: Erst vor wenigen Tagen sprach man dem Uber-Ableger Didi Global durch das Löschen der Fahrtvermittlungs-App auf sämtlichen Online-Plattformen de facto jede Art von Wachstum ab.

 

Doch weshalb geht man im Land des Lächelns derart massiv gegen heimische Großkonzerne vor? Von einer prosperierenden Wirtschaft inklusive profitablen Großkonzernen profitiert auch die KP. Schließlich sieht selbst das kommerziell angehauchte Kommunismus-Modell Chinas Steuerzahlungen vor! Antwort: Mit jedem verdienten Yuan und jedem zufriedenen Kunden stärken Großkonzerne nicht nur ihre Finanzen, sondern auch ihren Einfluss. Was, wenn sich ein Konglomerat aus Tech-Riesen, Online-Händler, Luxus-Artikel-Anbieter und zu guter Letzt E-Learning-Plattformen öffentlich gegen die KP, den Volkskongress oder gar die Nummer eins des Landes, Xi Jinping, ausspricht?

 

Aussichten ungewiss, Anleger verunsichert

Die Befürchtungen der KP erscheinen – aus westlicher Sicht – irrational. Dass man im Wirtschaftswunderland China jedoch nur bedingt an der Sichtweise des Klassenfeindes interessiert ist, dürfte nicht zuletzt die unvermindert anhaltende Verfolgung der Uiguren deutlich machen. Wie also auftreten gegenüber einem Land, das in absehbarer Zeit zur unangefochtenen Weltmacht aufsteigen dürfte und zugleich als größter Abnehmer diverser hierzulande produzierter Güter sowie als unverzichtbarer Partner im Kampf gegen den Klimawandel gilt?

 

China Aktien – jetzt ein Kauf?

Der Kursverfall vom 23. Juli, der allein den Marktwert der aktuellen Platzhirsche im E-Learning-Bereich um 17,1 Milliarden Euro degradierte, macht auf alle Fälle deutlich, dass ein Engagement in Fernost stets mit Risiken verbunden ist. Ganz gleich, ob dieses Engagement finanzieller oder politischer Natur ist! Das Unternehmensblatt traut sich zumindest eine Einschätzung zu chinesischen Kapitalmarkt zu.

Chinesische Aktien gelten seit jeher als spekulativ und haben mit der gestrigen Entwicklung nochmals an Unsicherheit gewonnen. Ganz gleich, ob Suchmaschinen-Riese, Online-Händler, Video-Plattform oder E-Learning-Anbieter: Ein Investment in chinesische Aktien, insbesondere in solchen aus dem Sektor der Digitalisierung, sollte gut überlegt sein. Profis mit Charttechnik-Wissen sind zudem mit dem Setzen von Stop-Loss-Limit-Orders gut beraten.

Doch es geht auch weniger spekulativ! Eine langfristig allemal sinnvolle Alternative haben mittlerweile diverse Investmentgesellschaften wie zum Beispiel der Global Player Blackrock erschlossen. Mittels sogenannter ETFs können auch Privatanleger für kleines Geld einen breit gestreuten und mitunter sogar währungsgesicherten Zugang zum asiatischen Aktienmarkt aufbauen.

Autor: Jan Lauer

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